Unterwegs … für den Artenschutz

(Fotos: Karl-Heinz Jung)

Wandern und Pilgern ist eine von Karl-Heinz Jungs großen Leidenschaften. Seit 2008 pilgert er immer wieder auf verschiedenen Jakobswegen und für uns hat er ein Buch über den Mosel-Camino geschrieben. Aber es gibt noch ein anderes Thema, das ihm sehr am Herzen liegt: der Schutz bedrohter Tierarten. Zusammen mit seinem Neffen hat er eine Teilpatenschaft für den Mosel-Camino übernommen und kombiniert dort Wegmarkierung und Artenschutz – ein Projekt, das seit 2014 vom NABU Rheinland-Pfalz getragen wird.

Um welche Tierarten kümmern Sie sich im Besonderen und was genau machen Sie, um diese zu schützen?

Die Liste der bedrohten Tierarten wird von Jahr zu Jahr immer länger. Nicht nur durch den Klimawandel und die Tatsache, dass andere Tierarten bei uns einwandern, sind viele Tierarten – weltweit – in ihrer Existenz bedroht. Wir Menschen nehmen unsere kleinen Helfer viel zu wenig wahr. An unseren Häusern und in unseren Gärten haben wir kaum noch Nist-/Überwinterungsplätze für z. B. Fledermäuse, Wildbienen, Vögel, Igel usw. Die Hauswände sind wärmegedämmt, sodass jede auch noch so kleine Spalte verschlossen wird, Gärten werden oftmals mit Steinschüttungen und Folie gegen nicht erwünschtes Pflanzenwachstum gesichert; sie wirken total aufgeräumt, lassen aber wenig Leben zu. Wir haben kaum noch Zeit, uns mit der Natur auseinanderzusetzen … Es gibt zu wenig Blühpflanzen, die den Bienen über das ganze Jahr hinweg Nahrung bieten. Oftmals wird auch mit sogenannten Agrargiften viel zu sorglos umgegangen und wir leisten uns riesige Monokulturen – um nur einige Gründe für den Rückgang von Tieren zu nennen.
Diesem Artenrückgang begegnen wir durch den Bau bzw. Kauf von geeigneten Nist-/Überwinterungskästen, deren Ausbringung und Überwachung/Pflege.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass man Artenschutz gut mit dem Pilgern verbinden könnte?

Den Artenschutz haben wir sprichwörtlich in der Familie mit der Muttermilch aufgenommen. Am elterlichen Wohnhaus sowie auf dem großen Dachboden und dem Innenhof der Bäckerei des Opas waren alle möglichen Tierarten vertreten, die wir bereits als Kinder beobachten konnten. Kästen wurden damals schon auf den Grundstücken des Opas und entlang der Mosel – unserem Anglerrevier – ausgebracht und betreut.
Seit 1980 habe ich insbesondere im Auslandsgeschäft gearbeitet, viele Länder dienstlich und auch privat gesehen. Meinen Gesprächspartnern habe ich bereits damals Nist-/Überwinterungskästen als Gastgeschenk mitgebracht.
2008 habe ich den ersten „großen“ Jakobsweg pilgern dürfen. Dabei ist mir bewusst geworden, welchen geringen Stellenwert der Artenschutz in anderen Ländern hat – obwohl auch wir insbesondere im Privatbereich mehr tun könnten. Auch konnte ich sehen, dass Sprühmarkierungen schnell verwittern, Pilgersteine umgeworfen, Muschelschilder vorsätzlich beschädigt oder entwendet wurden … Dabei ist mir dann die Idee gekommen, die Wegmarkierung mit dem wichtiger werdenden Artenschutz zu kombinieren. Wir zeigen so den Pilgern/Wanderern, dass auch sie zu Hause etwas für bedrohte Tiere und gegen den Klimawandel tun können.
Insbesondere durch Spanien pilgern Menschen aus allen Ländern der Erde. Die Aufmerksamkeit dieser Menschen haben wir im Fokus, damit wir weltweit die Schöpfung achten und schützen.

Kann man Ihre Nistkästen & Co. nur am Mosel-Camino sehen oder auch an anderen Jakobswegen/Orten?

Der Mosel-Camino wurde 2012 vom Ministerium für Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz und dem NABU Rheinland-Pfalz  als erster „Fledermausfreundlicher Pilgerweg Europas“ ausgezeichnet.
Vom Baltikum (Deutsche Botschaft in Litauen) bis ans „Ende der Welt“ in Finisterre wurden auf allen Jakobswegen bereits punktuell Kästen installiert, in der Hoffnung, dass sich regional Schulen/Kitas/Vereine/Jakobusgesellschaften etc. diesem Projekt anschließen.
Unabhängig von diesem NABU-Projekt hat der Stadtrat der Stadt Mayen beschlossen, ihr Projekt der „Bienenfreundlichen Stadt Mayen“ umzusetzen. Herzlichen Glückwunsch zu dieser zukunftsweisenden Entscheidung der Stadtväter um ihren OB Wolfgang Treis.

Bekommen Sie manchmal Rückmeldungen von Pilgern? Wie sind die Reaktionen auf Ihr Projekt?

Der Deutsche kritisiert zunächst mal sehr gerne, dann braucht er selbst ja nichts zu tun bzw. hat ein Argument für seine Untätigkeit. Wie heißt es so schön: „Wer etwas nicht will, der findet Gründe; wer etwas will, der sucht einen Weg“. So ist es mir leider mit dem ursprünglichen Träger des Projektes, der Jakobusgesellschaft Rheinland-Pfalz-Saarland e.V. ergangen, bevor der NABU-Rheinland-Pfalz die Trägerschaft und somit über seine Haftpflichtversicherung das Risiko übernommen hat, wenn die Kästen mit dem NABU-Brandstempel versehen sind.
Gottlob setzen sich einige Mitglieder aus dem Norden von Rheinland-Pfalz, so der Vizepräsident, Herr Michael Kaiser, und der Regionalgruppensprecher, Herr Franz Bläser, nach wie vor sehr für dieses Projekt ein. Sehr viel Unterstützung erfahren wir u. a. auch durch den Brudermeister der St. Matthiasbruderschaft Mayen, Herrn Heinz Schäfer, und den Pastoralreferenten in Trier, Herrn Johannes Rau.
Auch die Idee von Frau Esther Zeiher, im Lutherjahr 2017 auf dem Ökumenischen Pilgerweg 35 sogenannte „Balken-Minis“ unter dem Motto „Ein Haus – viele Wohnungen“ an Herbergseltern weiterzureichen, hat mich sehr gerührt.
Es gibt natürlich auch Pilger, die meinen, es wären auf verschiedenen Strecken zu viele Kästen installiert worden. Dabei wird meist nicht gesehen, dass hier Vogelnistkästen mit unterschiedlich großen Einflügen, Wildbienenhotels unterschiedlichster Bauart, Fledermauskästen für Höhlen- und Spaltenbewohner usw. angebracht worden sind. In Oberfell hat z. B. Johannes Weber mit seinen Helfern alle Kästen mal wieder gesäubert und eine 100-prozentige Belegung festgestellt. Somit sollten weitere Kästen installiert werden … Auch habe ich einen Nachbarn, der durch vielerlei Anzeigen versucht hat, das Projekt behördlicherseits einstellen zu lassen. Es wurde mir u. a. ein nicht genehmigter Gewerbebetrieb unterstellt, obwohl ich ausschließlich ehrenamtlich tätig bin.
Was zählt, sind die gut 80 ehrenamtlich engagierten Mitstreiter. Bewundernswert, was Menschen wie Hans Ries, Klaus Schneider, Herbergsvater Dieter Eppelsheimer – um nur einige wenige stellvertretend zu nennen – alles leisten.

Was kann ich tun, wenn ich mich ebenfalls für den Artenschutz engagieren möchte? Wie kann man Sie bei Ihrer Arbeit unterstützen?

Zunächst sollen wir alle mit dem ersten Schritt – wie beim Pilgern – zu Hause beginnen. Schaffen wir etwas um unsere Wohnung/unser Haus. Ein Balken-Mini findet auf jedem Balkon einen sicheren Platz und Wildbienen stechen uns Menschen nicht. Sie belästigen uns auch nicht beim Essen.
Da sich die Wildbiene maximal in einem Radius von 3 km bewegt, wäre es wünschenswert, sich mit Nachbarn zusammenzuschließen und über das Anpflanzen von zu unterschiedlichen Zeiten blühenden Gewächsen für hinreichend Nahrung für die Biene zu sorgen.
Bringen Sie auch mindestens einen Vogelnistkasten und einen Fledermauskasten an, damit sich die Tiere europaweit „vernetzen“ können. So werden die Populationen widerstandsfähiger. Bringen Sie Ihr Wissen/Ihre Erfahrungen bitte in eine Schule/Kita mit ein. Dort wächst die Zukunft dieser Erde heran …. Sie glauben gar nicht, wie emsig Kinder z. B. auch anlässlich von Kindergeburtstagen diese Kästen bauen – und anschließend beobachten, was da geschieht.
Ganz wichtig ist, Musterkästen und Bausätze an Interessierte weiterzureichen. Wer selbst nicht bauen kann oder möchte, sollte das recht große Angebot im Handel nutzen und die – wetterfesten – Kästen entsprechend installieren. Niemals zur Wetterseite – Westen – ausrichten.
Werden Spenden mit dem Vermerk „für Pilgerweg“ an den NABU Rheinland-Pfalz geleistet, werden hierfür NABU-Brandstempel für Kitas/Schulen/Vereine etc. erworben, damit der Verkehrssicherungspflicht Genüge getan werden kann.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Welche Ziele haben Sie noch für Ihr Projekt? Was möchten Sie erreichen?

In diesem Jahr haben bereits über 3.000 Kästen/Bausätze ihre Abnehmer/Baumeister gefunden. Zwei Baumärkte versorgen mich regelmäßig mit unschlagbar guten Angeboten und Resthölzern. Rührend, wie einzelne Mitarbeiter dort bemüht sind, den „Abfall“ einem guten Zweck zuzuführen. Wir sollten mal wieder stärker das Gute statt des weniger Guten sehen.
Zunächst hoffe ich auf gut funktionierende „Brückenköpfe“ und dies natürlich an allen Jakobswegen in Europa und darüber hinaus. Auch auf dem Franziskusweg in Italien sowie bei den Franziskanern in Montenegro wurden die ersten Kästen angebracht. Als überzeugter Europäer hoffe ich sehr auf die Unterstützung der EU. Mit sehr wenig Aufwand könnte die EU ihren Bürgern – nach dem Motto: „Überlegt nicht, was euer Land für euch, sondern ihr für euer Land tun könnt“ – die etwas in den Hintergrund getretene Bürgernähe zurückbringen.

Dieses kleine Projekt könnte der Ausgangspunkt für mehr Achtsamkeit gegenüber Umwelt, Natur und natürlich unseren Mitmenschen sein. Hier wird es uns wie auf der Echternacher Springprozession ergehen. Drei Schritte vor und zwei zurück … Hauptsache, die Richtung stimmt!

Vielen Dank für das Gespräch!

PS: Gerade erst war Karl-Heinz Jung mit seinem Projekt auch in der SWR Landesschau zu sehen. Hier geht’s zum Beitrag.

Wer die Insektenhotels und Nistkästen am Mosel-Camino selbst entdecken will, findet in Karl-Heinz Jungs Pilgerführer eine detaillierte Beschreibung für den Weg.

Weitere Informationen über sein Projekt bietet der Blog www.artenschutzundwegemarkierung.blogspot.de, der von Michael Kaiser betreut wird. Interessante Bücher über das Thema hat der Pala-Verlag im Programm (www.pala-verlag.de), fertige Nistkästen usw. gibt es z. B. bei Schwegler (www.schwegler-natur.de).

Wer für den Artenschutz spenden möchte, kann dies z. B. beim NABU Rheinland-Pfalz tun (IBAN: DE38 5519 0000 0291 1540 45, Verwendungszweck: für Pilgerweg).

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